18. Februar 2015

Typisch für....Le Carnaval de Binche



Wenn ich an diesen Karneval zurückdenke, wird mir ganz warm ums Herz. Ich durfte bei etwas ganz besonderem dabei sein: dem Carnaval de Binche.



Die Familie der Mutter der Freundin unseres Sohnes ist aus Binche und ihre an Zahl große Familie gehört, wie fast alle in Binche, einer Karnevalsgesellschaft an. Sie luden uns ein, beim diesjährigen Dimanche Gras dabei zu sein.

Am Sonntag früh um 6:45 habe ich mich mit meinem Sohn ins Auto geworfen und pünktlich zur verabredeten Zeit, eine Stunde später waren wir in Binche.

Die Trommler und der Kommissar, die jede Gruppe durch den Zug durch die Stadt begleiten, waren schon eingetroffen, die Kinder verkleidet, der Champagner stand bereit zum allerersten Karnevalsumtrunk der Saison!



In Binche gibt es drei aufeinander folgende Tage die jeweils unterschiedlich begangen werden: Der Dimanche Gras, der Lundi Gras und der Mardi gras.
Am Sonntag zieht jede Gruppe in selbst gestalteten und bis zu diesem Tage geheimgehaltenen einheitlichen Kostümen im Morgengrauen los, holt die anderen, auf dem Weg zur Grande Place wohnenden oder wartenden Gruppen ab. In jedem Haus gibt es einen kleinen Aufenthalt mit ein bisschen Wegzehrung und einem Gläschen Champagner oder Saft, bis man auf der Grand Place angekommen ist. Zwischendurch trifft man auf andere Gruppen, jeweils begleitet von Trommeln oder der Viole, einer Art Leierkasten


Familie und Freunde geht unverkleidet hinterher, als Zugehörigkeit zu einer Karnevalsvereinigung einen Hut im gleichen Stil wie die verkleideten Kinder oder Männer tragend.




Man fasst sich an den Händen und läuft wippend im Takt der Trommeln. Die Schritte sind klein und so braucht man vom Morgengrauen bis ungefähr mittags, bis man an der Grande Place angekommen ist. Zwischendurch hält man an und begrüßt Bekannte und Verwandte aus anderen Gruppen und Vereinigungen und trinkt wieder ein Gläschen.



Die Karnevalsvereinigungen die am Dienstag die Gilles stellen, die Hauptfigur des Bincher Karnevals, sind nur Männer, die ebenfalls am Sonntag in einheitlichen, fantasievollen Kostümen durch die Stadt ziehen:




Besonders gut gefallen sich die Herren an diesem Tag in Frauenkleidern!


Gegen Mittag treffen sich alle wieder zu Hause, wo an großer Tafel alle zum Essen zusammen sitzen bevor es um drei zur Formation des großen Umzuges geht. 
Wir waren 37 Leute, die bei der Oma am Tisch saßen, aßen und sich prächtig unterhielten. Der Sonntagmorgen ist für die Familien und die Kinder der schönste Teil des Karnevals, da hier die mühevoll und mit Herzblut gestalteten Kostüme gezeigt werden und die Gruppen in freier Formation durch die Stadt laufen, sich gegenseitig bewundern und den Karneval geniessen. 
Der Umzug am Nachmittag ist eher formell, mit einer festgelegten Aufstellung und einem vorgeschriebenen Weg durch die Stadt
Ich habe mich nach dem Mittagessen wieder auf den Weg nach Hause gemacht, da mein Mann zu Hause geblieben war - er war nicht gut zurecht und ich wollte ihn nicht so lange alleine lassen, weswegen ich dem Umzug nicht beiwohnte.

Der Lundi Gras gehört den jungen Leuten und an diesem Tag wird wieder von morgens an in lockerer Formation die Stadt tanzend durchwandert. Gegen Mittag wird eine große Konfetti-Schlacht veranstaltet, doch der Höhepunkt des Tages ist sicher das Feuerwerk bei einbrechender Dunkelheit.


Der Hauptkarnevalstag ist eigentlich der Dienstag, der Mardi Gras, wo die vier traditionellen Figuren auftreten. Allen voran der Gille, eine männliche Figur, in den belgischen Nationalfarben gekleidet mit einer weißen Haube, die alle Haare verdeckt, einer weißen gefälteten Halskrause und Holzschuhen. Als Accessoires hat er eine Art Mini-Reisigbesen dabei und einen Korb mit Blutorangen, die am Dienstagnachmittag während des großen Umzuges verteilt oder geworfen werden.
Ein Gille ist immer ein männlicher Einwohner der Stadt, der mindestens seit 5 Jahren in Binche wohnt. 



Der Dienstag beginnt noch früher, so gegen drei Uhr morgens, denn das Anlegen der traditionellen Kostüme kostet viel Zeit, da die Kleider außerdem sorgfältig mit Stroh ausgestopft werden.
Gegen Morgengrauen gehen die Gruppen wieder los um sich abzuholen und ziehen so von den Trommlern begleitet tanzend, eine Gruppe nach der anderen zum Rathaus, wo sie ihre Masken aufsetzen - ein Symbol dafür, dass vor dem Gesetz alle gleich sind - und holen sich vom Bürgermeister ihre Ehrung ab.
Übrigens: kein Gille darf jemals ohne Begleitung eines Trommlers ohne seine Gruppe angetroffen werden und darf auch nicht betrunken sein!






Die drei anderen Figuren die auftauchen sind, der Paysan, die Kinder aus dem Collège Notre Dame de Bon Secours:



die Pierrots, Kinder der école des Frères:


und die Arlequins, Kinder des Athenée Royal:


Wiederum geht man zu Mittag zurück nach Hause um in geselliger großer Runde zu tafeln und sich ein wenig auszuruhen. Am Nachmittag kommt der Kommissar dann wieder, um die Gruppen zu Hause abzuholen für den großen Umzug des Mardi Gras. Hier tragen die Gilles ihre Masken nicht mehr, dafür aber einen riesigen Hut aus Straußenfedern. (Ich hoffe, mein Sohn konnte am Nachmittag noch gute Fotos vom Umzug machen, die ich nachträglich noch einfügen werde.)
Der krönende Abschluss des Karnevals ist das Feuerwerk, bei dem das Motto der Stadt - zugleich das Motto Karls V. -  "plus ultra" entzündet wird.



Seit 2003 ist der Carnaval de Binche auf der Liste des immateriellen und mündlichen Kulturerbes der Unesco. Die Ursprünge des Karnevals sind unklar und -  wie immer in solchen Fällen - mythenumrankt. Der erste Umzug soll bereits 1395 stattgefunden haben, aber das ist nicht belegt. Angeblich geht die Figur des Gilles auf die Incas zurück, die Maria von Ungarn, Statthalterin der spanischen Niederlande für den Empfang ihres Bruders Karl V. hat auffahren lassen. Vermutlich stammt daher die Kopfbedeckung mit den Federn. Die Farben des Kostümes kann es aber erst seit der Gründung Belgiens 1830 geben....
Wie auch immer, diese Art Karneval zu feiern ist wirklich etwas besonderes und ich könnte euch noch mit mehr Details überschütten, doch ich denke, nun ist es genug. Wer bis hierhin durchgehalten hat, dem danke ich herzlich für die Geduld und vielleicht kann Binche im nächsten Jahr den einen oder anderen von euch begrüßen - es lohnt sich!

Gros bisou
Sandra



Kommentare:

  1. Was für ein toller Bericht! Vielen Dank für diese vielen Impressionen! LG Lotta.

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    1. Danke, es war auch ein echt spannender Tag!

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  2. Liebe Sandra,

    ich habe bis zum Schluss durchgehalten weil ich es wirklich interessant fand, über den Karneval in Binche zu lesen. Die Kostüme sind auch supertoll ... aber ob ich mir die ganzen Abläufe hätte merken können...?

    Schön ist vor allem dass alle zusammen feiern und sich jeweils mittags zum geselligen Essen treffen!

    Ganz liebe Grüße,
    kroetinchen

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    1. Keine Sorge, Kroetinchen, das kann man sich nicht alles merken! Als Gast wird man einfach mitgerissen....! Ich freue mich, wenn es dir gefallen hat!

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  3. Ich bin ganz beeindruckt, so eine recht formale Art des Karnevals kennen zu lernen, an dem trotzdem viele, viele Menschen teilhaben können. Es ist sicher ganz anders als hier in Köln. Aber da gibt es auch inzwischen eine große Pluralität.
    Die Riten kommen mir auch richtig geheimnisvoll vor, auch die verschiedenen Figuren. Das ist eher wie bei der alemannischen Fastnacht.
    Danke für diesen schönen Post!
    Bisous
    Astrud

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    1. Du hast recht, es ist wirklich sehr formal! Im Unterschied zur alemannischen Fastnacht sind die Kinderfiguren eindeutig der Commedia dell'Arte entlehnt, wobei die Ursprünge des Gille wirklich im Dunkeln bleiben. Der Gang zum Rathaus ist auch sehr säkularisiert, ähnlich wie die Übergabe der Schlüssel an die Weiber am Dinnerstag, oder? Ich dachte, die alemannische Fastnacht wäre heidnischen Ursprungs, aber das stimmt wohl nicht. Sehr interessant, wenn man sich näher damit beschäftigt!

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    2. Ich habe noch ganz lange im Netz nach Informationen gesucht, Videos angeschaut und versucht zu verstehen. Und dann habe ich gedacht, ich sollte doch noch mal mit der Ethnologie anfangen, nur so zum Spaß. Mein Stammdesch ist ja auch schon ausgeforscht worden von einem pakistanischen (!) Ethnologen und die Hintergründe solcher Bräuche sind ja höchst spannend. Ich denke auch, im Falle von Binche gibt es ganz unterschiedliche Einflüsse. Die Federkrone des Kölschen Bauern hat übrigens eine ähnliche Form wie die der Gilles...
      Ich habe mich über deine Anregung auf jeden fall sehr gefreut.
      Bon week-end!
      Astrid

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  4. Liebe Sandra,
    erst mal freue ich mich, Dich und Deinen Blog kennen zu lernen. Vielen Dank für diesen Bericht über die vielen schönen Riten des Carnaval de Binche und dafür, dass auch Du bei "Typisch für..." mitmachst, wirklich eine Bereicherung.
    GlG, Kebo

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    1. Liebe Kebo, ich bin auch immer noch froh, deinenBlog gefunden zu haben! Ich mag deine Idee, "typisch für" und es ist sicher nicht das letzte Mal, dass ich mitmache! Eine tolle Gelegenheit neue Dinge kennenzulernen!

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  5. Sandra!!!!!

    Was für ein genialer Post. Ich bin gerade völlig hin und weg!!!!
    Irre. Tolle Bilder und überhaupt alles. Da wäre ich auch gerne mal dabei.
    Eigentlich habe ich eine Abneigung gegen solche Umzüge. Zu viele Menschen :-)
    Wenn ich an Köln denke, dann denke ich an Betrunkene Massen. Aber dieser Umzug erscheint mir so
    gesittet und stilvoll. Einfach toll.

    Danke für die tollen Einblicke!

    Liebe Grüße aus berlin
    Doreen

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    1. Als Kölner ( auch Karnevals- ) Bloggerin möchte ich da doch Einspruch erheben. Der Kölsche Karneval ist so vielfältig ( und die alkoholisierten Horden nur ein Auswuchs konsumistischer Art ), dass ein zweiter Blick darauf lohnt, zum Beispiel bei mir ;-)
      Bon week-end!
      Astrid

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    2. Die Alkoholisierten Horden gibt es in Binche leider auch, wenn auch erst später in der Nacht. Sohn Felix hat von Schlägereien zwischen Polizei und jungen, streitsüchtigen Leuten berichtet. Schade, aber solche Leute gibt es überall! Tagsüber, während der Umzüge sieht man aber kaum Betrunkene, das kann ich aus eigener Beobachtung sagen.

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