14. April 2015

Warum ausgerechnet Hongkong?

Das ist eine lange Geschichte!
Hongkong ist jetzt nicht das Reiseziel, dass ganz vorne auf meiner/unserer Bucketlist stand, eher noch ein zweiter, längst überfälliger Besuch in Japan. Dennoch haben wir uns im November mehr oder weniger spontan dazu entschlossen diese Reise im Februar, während der Karnevalsferien zu unternehmen.

Blick von Hongkong Island auf Kowloon


Wie ihr ja Anfang dieses Jahres mitbekommen habt, macht unser Sohn in diesem Frühjahr sein Abitur und damit endet (hoffentlich) eine lange Leidensgeschichte. Seit letztem Jahr liegen wir ihm nun in den Ohren, endlich Pläne bezüglich seines weiteren Lebens zu machen, doch die Zeit verging und nichts geschah. Wir mussten also als Eltern, wie so oft schon, als Coach aktiv werden.

Gemeinsam mit ihm scannten wir anhand seiner Fähigkeiten und Neigungen verschiedene Berufsfelder ab, die ihm Spaß machen könnten, damit bei der Ausübung des Berufes eine gewisse Stamina gewährleistet sein kann, die ihm in der Schule leider immer gefehlt hat. Aus diesem Grunde kamen wir von der Idee eines Studiums schnell ab und suchten nach geeigneten Ausbildungen.

In der ersten Klasse begann es bereits am ersten Tag, dass er nicht, wie andere Idötzchen fröhlich Zahlen und Buchstaben malte, sondern nur unter Aufwendung meiner ganzen Überredungskunst zu bewegen war, seine Hausaufgaben zu machen. Er war nicht in der Lage die Aufmerksamkeit zu halten und brauchte für alles zehnmal so lange wie andere Kinder. Schaute zwischendurch Löcher in die Luft, musste ganz dringend für zwanzig Minuten auf die Toilette, spitzte lange an allen Stiften herum etc.

Die Lehrerin sprach mich auch bald darauf an und riet uns, ihn auf ADS testen zu lassen. Wir haben die ganze Prozedur durchgemacht. Ein halbes Jahr verging mit psychologischen Tests, ärztlichen Untersuchungen, Schlafprotokoll und was nicht alles.
Wir waren mit unserer Psychologin in guten Händen, wir haben viel miteinander geredet, Felix hatte Vertrauen zu ihr - nur unter ihrem mangelnden Talent Blut abzunehmen hat er sehr leiden müssen.
Wir entschieden uns für eine Medikation. Gleichzeitig waren er wöchentlich bei einer Pädagogin für LRS, in der Ergotherapie und Logopädie. Wir haben seine Hör-Merkspanne mit spezifischen Übungen zu schulen versucht, waren mit ihm Klettern (Bewegungsplanung), Trommeln und Fechten. All das macht er übrigens immer noch gerne und hat an all diese Therapien gute Erinnerungen. Das Brotkörbchen,dass er in der Ergo gebastelt hat, dient uns immer noch!

Star Ferry


Anfangs war ich so demotiviert, dass ich dachte, das halte ich keine 12 Jahre durch: Täglich drei Stunden nachmittags Hausaufgaben machen, abends im Bett noch Lesen üben und im Mathetrainer eine Seite machen. Ich sah in der ersten Zeit noch nicht mal, wie er jemals selbständig eine Klassenarbeit schreiben sollte. Ich war oft wütend und verzweifelt. 

Felix wurde eine überdurchschnittliche Intelligenz attestiert, er war sehr fantasievoll, und wem oder was er sich einmal zugewandt hat, dem hält er die Treue: sein erster Freund Benni, das Fechten, sein Freund Gabriel, den er hier kennengelernt hat, seine Freundin Juliette, das Trommeln etc.

Die Medikation und die Therapien brachten Besserung und er konnte in der Schule, mit meiner Unterstützung gut mitkommen. Auch weil ich eine Bekannte hatte, die noch schlimmer dran war - ihr Sohn hat eine leichte Form von Tourette - konnte ich zunehmend besser damit umgehen. Wir klagten uns gegenseitig unser Leid und tauschten Ideen, wie wir unseren Söhnen das Leben leichter machen konnten.

In der dritten Klasse haben wir ihn wiederholen lassen. Die Lehrerin riet uns dazu, denn sie sagte, dass er für das Gymnasium noch nicht reif genug sei, aber Angst hätte ihn auf eine Hauptschule zu schicken. Es ist keine Schande nicht aufs Gymnasium zu gehen, aber in einer Großstadt die Hauptschule zu besuchen ist auch nicht einfach.
Außerdem war damals klar, dass wir nach Brüssel ziehen würden und ihm zwei Schulwechsel in zwei Jahren zuzumuten, lehnten wir ab.


Wanderung im Dschungel


In Brüssel klappte es von Anfang an gut. Er fand direkt Freunde, kam mit dem Englisch ganz gut zurecht - bis auf das Schriftliche - und er hatte mehr und mehr Erfolgserlebnisse. So richtig gerne oder strukturiert gelernt hat er nie, aber mit unserer Unterstützung ging es gut. Seit vier Jahren verzichtet er auf die Medikamente aus eigener Entscheidung.

Tja, nur welchen Beruf wählen? Vor dieser Frage scheinen viele Jugendliche von Felix Jahrgang davonzulaufen und aus seiner alten Klasse in Düsseldorf höre ich auch Ähnliches. Es ist nicht einfach für sie: Es gibt viele Möglichkeiten, viele Ablenkung (Internet, Computerspiele etc) und viel Sorge vor der Zukunft. Und das ist das Letzte, was ich möchte: das unsere Kinder sich nicht auf ihr Leben freuen!

Wir setzten uns also zusammen und überlegten: Felix hat beispielsweise keine Angst auf Menschen zuzugehen, er spricht sie in Englisch, Deutsch oder Französisch an und erreicht, was er möchte. Er hat kein Problem, seine Meinung zu sagen und kann Dinge, die ihm wichtig sind auch in die Hand nehmen. Er würde gerne ins Ausland und hat Spaß an wirtschaftlichen Zusammenhängen und lässt sich nicht so leicht ein X für ein U vormachen.

das ist auch Hongkong

Bei unserer Recherche stießen wir auf das Angebot der Deutschen Außenhandelskammer. Es gibt an verschiedenen Standorten der Welt deutsche Berufsschulen und die Möglichkeit die duale Berufsausbildung zu machen. Unter anderem auch in Hongkong.

Felix war sofort begeistert: er fand das cool. Damit er sich aber ein Bild davon machen kann, wie es dort aussieht und wie sich das Leben dort gestaltet, entschieden wir, bevor wir die Bewerbung einreichten einfach hinzufliegen.

Im Februar kam leider etwas dazwischen. Mein Mann entwickelte nach einer harmlosen Krampfader-OP je eine Thrombose im Arm und im Bein. Damit kann man leider nicht fliegen. Wir buchten also um und bekamen zu einer Umbuchungsgebühr die Möglichkeit in der Osterwoche zu fliegen. 
Felix hatte die Möglichkeit sich in der Berufsschule, bei der Koordinatorin der Kammer und bei einer Firma vorzustellen und nun hoffen wir, dass eines der Unternehmen ihn zu einem Telefoninterview einlädt.



Mit diesem Cliffhanger entlasse ich euch jetzt in den Frühling und danke für eure Geduld unsere Geschichte zu lesen.
Morgen oder übermorgen mache ich weiter und ihr erfahrt endlich die Einzelheiten unserer abenteuerlichen Reise!

Gros bisou
Sandra


Kommentare:

  1. Klingt alles seht spannend! Ich glaube, das Jungs im allgemeinen sich schwerer tun bei der Wahl ihres Berufes.
    Bei uns war das auch so. Meine Tochter wusste schon immer wo ihre Stärken liegen. Sie konnte sich zwar auch bis kurz vor Bewerbungsschluss nicht entscheiden was sie studieren will. Aber dann nahm sie unseren Rat an (denn auch ich weiß wo ihre Stärken liegen :-)) und studiert jetzt Jura im 6. Semester und ist rundherum glücklich damit.
    Bei unserem Sohn war es auch schwieriger. Er wollte Gundschulpädagogik studieren. Allerdings konnte er nicht mit einem 1,2 Zensurenschnitt aufwarten den er gebraucht hätte. Diese Woche hat er einen Ausbildungsvertrag bei der Bank unterschrieben und freut sich auf den Start im August. Ich wollte eigentlich nur schreiben, ich kenn das auch!

    Liebe Grüße aus Berlin
    Doreen

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  2. Es war sehr interessant, deinen Bericht über deinen Sohn zu lesen. Ich hoffe, dass ihn viele lesen...vor allem die Mütter, die auch manchmal verzweifeln. Sehr interessant und wichtig ist auch, dass man eben nicht an den Leistungen der Schüler ihre Intelligenz abmessen kann...Es gibt genug Beispiele von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Politikern, die erst auf Umwegen ihren Beruf gefunden haben...fernab des allgemeinen Schulsystems, welches eben auf Individualisten nicht eingeht...oder auch gar nicht eingehen kann, weil man dann deutlich kleinere Klassen und viel mehr Lehrer benötigen würde. Unsere Jüngste ist auch ein sehr pfiffiges Kind, wurde deshalb auf Anraten des Kindergartens vorzeitig eingschult...und seitdem gibt es doch so einige Probleme...;-). LG Lotta.

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  3. Toll, sich das alles von der Seele zu schreiben, find ich gut. Ich konnte so viele Parallelen zwischen unseren Jungs sehen. Nur die Medikamente und dem Psychiater haben wir weg gelassen. Sport und Freundschaften waren für unseren Monsterjungen die Medizin. Er macht gerade jetzt auch sein Abitur und schwitzt heute an seiner Englischklausur (ich drück ihm die Daumen!). Sein Ziel ist die Bundeswehr... Nicht das du glaubst, das ist mir leicht gefallen, aber er hat sich das, seitdem er sein Abitur angefangen hat in den Kopf gesetzt. Immerhin ein Ziel, was viele Jugendliche tatsächlich nicht mehr haben.
    Ich drücke deinem Sohn alle Daumen, die ich noch frei habe. Und mit seinem Namen ist er ja auch ein Glückskind. Das beweist ja schon das Glück, solches Eltern wie euch zu haben!
    Andrea

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  4. Liebe Sandra, toll, wie ihr euren Sohn unterstützt. Das finde ich bemerkenswert. Im Übrigen ist es für die wenigsten Menschen in dem jungen Alter klar, was sie mal werden wollen. Es braucht oftmals "Unterstützung", bis man klar sieht. Liebe Grüße.

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  5. Hallo Sandra,
    ich habe auch einen Sohn und kenne daher diesen Kampf um Hausaufgaben, Lernen u.s.w.. Er philosophiert lieber über Gott und die Welt, anstelle irgendwas auswendig zu büffeln.
    Flotte Lotta Blau hat schon einige Aspekte auf den Punkt gebracht.
    Es ist beängstigend, wie vielen Jungen ADHS oder ähnliches ``bescheinigt´´wird, nur weil man ihnen nicht gerecht wird.
    Ich finde eine Ausbildung ist ein sehr guter Start. Zum einen brauchen wir sehr gute Facharbeiter und Handwerker, die Anforderungen sind auch in diesen Bereichen sehr komplex und anspruchsvoll und zum anderen starten in der Tat sehr viele Jungs bzw. Männer erst später durch.
    Im Gegenzug bekommt noch lange nicht jede/r mit einem ``hervorragenden´´Abschluss sein Leben in den Griff.
    Felix wird seinen Weg gehen, glaub mir! :-)
    Liebe Grüße von Heike

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  6. un bel exemple pour les parents qui se posent des questions, et la voie passe parfois par Hong Kong - chez nous aussi en cherchant bien chacun a trouvé son chemin. merci pour ce témoignage encourageant ! et belle fête à Félix et ses amis ...j'ai lu la suite !
    monique

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